Von der Notwendigkeit, Position zu beziehen

RandomReflections; Die Welt steht Kopf; Sprachlosigkeit; Position beziehen; live4happiness2day; bloggingforinspiration

Dies ist bislang kein politischer Blog gewesen, bewusst nicht. Doch dieses Jahr sind so viele Dinge in der Welt geschehen, die einen sprachlos, verunsichert, wütend zurücklassen. Die Wahl des US-Präsidenten, auch wenn sie schon wieder fast zwei Wochen her ist, stellt für mich so eine Sache dar. Dieser Beitrag ist daher ein Versuch, die Gedanken in meinem Kopf zu ordnen und dazu Stellung zu beziehen. Weil wir uns äußern sollten, wenn die Werte infrage gestellt werden, die uns wichtig sind.


Als wir im Sommer unsere Reise nach New York geplant haben, haben wir noch Scherze gemacht: "Muss man ja jetzt noch schnell hin, bevor Trump Präsident wird...Wer weiß, ob wir danach noch reinkommen..." 

 

Als wir dann im September da waren, haben wir die erste Live-Debatte zwischen den Kandidaten fast genauso gespannt verfolgt wie wahrscheinlich die meisten Einheimischen, mit einer Mischung aus Faszination und Übelkeit. 

 

Als ich am Mittwochmorgen nach der Wahl aufgewacht bin und mein Mann mir den aktuellen Stand der Auszählungen vorlas, konnte ich es trotzdem nicht glauben. Wie Millionen Menschen auf der Welt war ich wirklich geschockt, verunsichert und sprachlos. Zwei Stunden klebte ich am Fernseher und versuchte, mein Weltbild mit dieser Realität überein zu bekommen. Bis ich los musste, zurück in den Büroalltag, wo diese Wahl bis zum Vortag lediglich zum Thema eines nicht ganz ernst gemeinten Tippspiels gemacht worden war. 

 

Ich habe diesen Post noch in der Wahlwoche angefangen, in den letzten zehn Tagen immer wieder neu formuliert, gelöscht, geändert, verworfen. Hin und her gerissen, ob ich überhaupt darüber schreiben sollte. Was qualifiziert mich schon dazu, mich zu diesen politischen Themen zu äußern? Wen interessiert meine Meinung dazu? Wie passt das zu mir und meinem Blog? Gibt es überhaupt noch etwas Neues dazu zu sagen?

 

Doch wenn ich mich nicht hierzu äußere, wenn ich mich dafür entscheide, stumm zu bleiben: Nehme ich diese Realität dann einfach hin, akzeptiere sie, trage sie sogar irgendwie mit? Diese Wahl und ihr Ergebnis bewegen mich offenbar so sehr, dass ich das Gefühl habe, das nicht unkommentiert lassen zu können.

 

Eine typisch-beschwichtigende Reaktion, der ich in den letzten Tagen immer öfter begegne:

"Was regst du dich eigentlich so auf? Es wird schon nicht so schlimm, wirst schon sehen. Der wird sich schon noch mäßigen!"

 

Es ist mir völlig schnurz-piep-egal, ob Donald Trump während seiner Präsidentschaft gemäßigter auftreten wird. Das Argument geht vollkommen am Problem vorbei und verkennt die eigentliche Bedeutung.

 

Klar mache ich mir ebenfalls Gedanken, was diese Entscheidung für die Weltpolitik bedeuten mag und wie sie unser Leben auch in Europa beeinflussen wird. Und dahingehend könnte "gemäßigteres Auftreten" - wie auch immer wir das definieren wollen - möglicherweise wohl dahin führen, dass wir uns nicht ganz so große Sorgen machen müssen.

 

Aber gemäßigteres (= durch kluge Berater beeinflusstes) Auftreten ändert absolut nichts an der Person Donald Trump, an seiner Persönlichkeit, seinen Meinungen und Einstellungen. Und vor allem ändert es nichts daran, dass offenbar Milliarden von Menschen - nicht nur in den Vereinigten Staaten - der Meinung sind, es sei okay, sich rassistisch, sexistisch, anti-demokratisch und generell menschenverachtend zu verhalten. Und zwar so oft und so massiv, dass kein Zweifel daran bestehen kann, dass es sich um authentische Werte und Meinungen handelt.  

Denn genau das bedeutet dieses Wahlergebnis. Es ist scheinbar zumindest so okay, dass es bei der Kandidatur um das wahrscheinlich wichtigste Amt in der Welt für viele Menschen keine ausschlaggebende Rolle gespielt hat. Und das trotz der Tatsache, dass seinem Verhalten noch nicht einmal eine besondere politische Kompetenz, nachvollziehbare Argumente oder glaubwürdige Pläne gegenüber standen. Man kann mit Sicherheit auch bei Hillary Clinton als Präsidentschaftskandidatin geteilter Meinung sein...Aber ist es in unserer Welt wirklich so unwichtig geworden, für welche Werte der oberste Vertreter eines Landes steht?

 

Wie erklären amerikanische Eltern ihren Kindern nach der Wahl, dass sie sich anderen gegenüber respektvoll verhalten sollen, wenn Donald Trump für das Gegenteil gefeiert wird? Wie gehen Lehrer damit um, dass in Schulen und Universäten schon jetzt ein erschreckender Anstieg von Vorfällen in Verbindung mit rassistischen und sexistischen Ressentiments zu registrieren ist? Wie begegnen wir auch hier bei uns den Leuten, die jetzt auf einmal meinen (und die sich vor der Wahl übrigens kaum so geäußert haben): "Ach, ist doch mal was Neues" oder "Der versteht wenigstens was von Wirtschaft" oder "Endlich mal einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt"?

 

Wenn wir den Konflikt scheuen und uns nicht äußern, sagen wir damit, dass es nicht so wichtig ist. Und akzeptieren die Normalisierung solcher Verhaltensweisen und Einstellungen, die Normalisierung von Hass. Dieses Wahlergebnis ist vielleicht ein letzter Weckruf. Wenn wir weiter in einer Welt leben wollen, in der wir Freiheit, Demokratie und Gleichberechtigung anstreben, und in der gegenseitiger Respekt, Vielfalt und Selbstbestimmung grundlegende Werte darstellen, müssen wir Stellung beziehen und diese Werte einfordern. Und sei es nur im Gespräch mit Kollegen, Familienmitgliedern oder Freunden. Und auch - oder vielleicht gerade - wenn wir nicht direkt betroffen sind (wie etwa Filmemacher Aaron Sorkin in einem offenen Brief an seine 15-jährige Tochter besonders inspirierend und bewegend argumentiert). 

 

Es gab in den letzten zwei Wochen auch einige Lichtblicke. Jede Menge Menschen beziehen Stellung für demokratische Werte, für Minderheiten, für Religionsfreiheit, gegen Sexismus und Rassismus, gegen Hass. Wenn diese Wahl irgendetwas Gutes hervorgebracht hat, dann dass diese öffentliche Diskussion um Werte und Miteinander noch einmal ordentlich angekurbelt wurde. Aber wie es mit dieser Entwicklung weiter geht, dafür ist jeder Einzelne mit verantwortlich. Wie wir uns im Alltag verhalten, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen, wie wir uns in Gesprächen und Debatten äußern, macht einen Unterschied. Daher sollten wir uns spätestens jetzt jeder fragen, wofür wir eigentlich stehen wollen. 

 

 

Wie geht es euch mit den Geschehnissen? Wie geht ihr damit um? 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Tobia | craftaliciousme (Montag, 05 Dezember 2016 09:16)

    Hey Shirley
    auch mir macht die globale Entwicklung ernsthaft Sorgen vor allem die lapidar abgetanen Kommentare, die du auch erwähnt hast. Ich habe einige Bekannte und Freunde in den USA und was ich lesen wenn ich lese was bei Facebook geschrieben wird, ist mir übel. Mehr als einmal schon wollte ich die freundesliste löschen aber dann denke ich nein. Lies das, hör es dir an und ignoriere das alles nicht. Es ist erschreckend wie demokratische Werte mit Füßen getreten werden.
    Danke für deine Gedanken.
    Hab einen schönen Tag
    Tobia

  • #2

    Shirley (Sonntag, 11 Dezember 2016 11:33)

    Liebe Tobia.
    Danke für deine Worte. Ich finde es richtig gut, wie du damit umgehst. Manchmal ist es echt leichter, bei Facebook auf "entfernen" zu klicken und sich vor schlechter Laune zu schützen, gerade wenn der Alltag schon anstrengend genug ist. Unsere Feeds sind ja oft ohnehin schon so gefiltert, dass man andere Meinungen nur selten zu Gesicht bekommt...dabei zeigt uns dieses Jahr, wie wichtig die Auseinandersetzung ist...
    Genieße die Adventszeit!
    Shirley